World of Details, 2011, Ausstellungsansicht Klemm's, Berlin

Viktoria Binschtok
World of Details
09.09. – 22.10.2011

Klemm's showroom 7d5e
Émilie Pitoiset
Glue your Eyelids together
09.09. – 01.10.2011
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Künstlergespräch: Viktoria Binschtok und Brigitte Werneburg
am 29. September 2011 um 19:00 Uhr


Viktoria Binschtok: World of Details

Viktoria Binschtok geht in ihren fotografischen Arbeiten dem Begriff der Sichtbarkeit nach. Durch überraschende Kontextverschiebungen wirft sie Fragen danach auf, welche Inhalte innerhalb der fest definierten Bildgrenzen transportiert werden und welche aufgrund unseres Wissens darüber hinaus führen. Gleichberechtigt neben eigenen Fotografien bedient sich Binschtok aus dem Fundus des Internets oder medialer Bildquellen, um deren Funktion und Repräsentation zu thematisieren.

In ihrer jüngsten Serie 'World of Details' verknüpft Viktoria Binschtok analoge und digitale Bildwelten, sowie verschiedene Zeitebenen miteinander. Grundlage der Arbeit sind aus-gewählte Aufnahmen des gigantischen Google-StreetView-Archivs, die sie benutzt, um zu ihren Bildern zu gelangen. Daneben etabliert Binschtok eine zweite Bildebene mit vor Ort analog aufgenommenen Detailansichten der jeweiligen Umgebung.

Binschtok geht zunächst streng analytisch vor und filtert Strassenansichten heraus, auf denen Passanten in die Kamera blickend abgebildet sind. Sie scheinen sich offensichtlich der optischen Aufnahme ihrer Person bewusst zu sein. Doch anders als bei einer herkömmlichen Fotografie, steht hier kein Mensch hinter der Kamera. Die Abgebildeten schauen in die Linse einer auf einem Autodach befestigten Apparatur, die im Sekundentakt und vollautomatisch ein Rundumbild ihrer Umgebung aufzeichnet. Die so abgelichteten Strassenszenen sind an Authentizität kaum zu übertreffen, denn sie entstanden ohne jegliche kompositorische Idee.

In einem zweiten Schritt begibt sich Binschtok physisch an die ausgewählten Orte, um sich in der vorgefundenen Realität ihr eigenes Bild zu machen. Während die Referenzbilder in ihrem Ausschnitt eine Strassenansicht aus der Distanz zeigen, geht die Künstlerin ins Detail und setzt dem reinen Ablichten eines programmierten Automats etwas entgegen, was den Menschen von der Maschine unterscheidet, nämlich die Absicht. 

Die Verknüpfung der verschiedenen Ebenen, sowie die Frage nach digitalem und analog entstandenem Bild spiegelt sich auch in der Präsentation der Arbeit. Entgegen ihrem rein informativen Zweck, behandelt Viktoria Binschtok die Street-View Bilder als Artefakte der Welt, in der wir uns bewegen. Die einheitlich kleinformatigen Inkjetprints sind auf MDF-Platten geklebt und ihr schwarzer Tintenauftrag wird manuell verwischt. Diese 'Hybridbilder' entwickeln eine ungeahnte Narrativität. Sie vereinen fotografische Genauigkeit mit malerischer Geste, wenn die ohnehin durch eine Software unkenntlich gefilterten Gesichter mit ihrer Umgebung 'verschmelzen'. Die wesentlich grösseren C-Prints der Detailaufnahmen sind mittels Klebeband in Rahmenkästen fixiert. Die ausgefransten Bildränder der Abzüge, Notizen auf dem Papier und technische Details bleiben erkennbar. In ihrer Direktheit wirken diese "Foto-Objekte" wie Fundstücke des urbanen Lebensumfelds und erlauben in Kombination mit ihren Referenzbildern einen subtilen Perspektivwechsel innerhalb desselben Mediums    

In der Vielschichtigkeit von 'World of Details' beleuchtet Binschtok nicht nur die Sicht auf unsere Welt, sie schafft fotografisch den schmalen Grat, der über das dokumentarische hinausgeht und gleichzeitig auf die Hilfsmittel der Inszenierung verzichtet.