Sven Johne
Greatest Show on Earth
04.11. – 17.12.2011
Eröffnung: Freitag, 04. November 2011 von 18 – 21 Uhr
"1984 war ich das erste Mal im Zirkus, ein Gastspiel des berühmten Zirkus Probst, eine großartige Show. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, hier schien die Schwerkraft überwunden und wilde Tiere waren folgsam und sanft. 2011 tourt dieser Zirkus wieder, von Anfang März bis Mitte November. Es ist seine 66. Tournee. Sie führt ihn diesmal durch ganz Ostdeutschland, in über 50 Städte und Dörfer, etwa 4.000 Kilometer. Ich werde diesem Zirkus folgen, werde in jede Stadt und in jedes Dorf reisen – aber erst kurz nachdem das Chapiteau wieder abgebaut ist. Ich bin erst da, wenn der Platz schon wieder leer ist."
(Sven Johne, Februar 2011)
Das traditionelle Bild des 'Wanderzirkus', gekoppelt an elterliche Erzählung und Kindheitserinnerungen – an eine Zeit vor dem 'richtigen Leben' – mag anachronistisch erscheinen, trägt aber auch heute noch die Verheißung potentiellen Glücks in sich. Sven Johne nimmt in seiner Ausstellung "Greatest Show on Earth" diesen Bezug konkret auf und entwickelt ihn im Sinne einer Daseinsmetapher weiter. Das 'Höher, Schneller, Weiter' des 'Systems Zirkus' sind Schlagworte einer gesellschaftlichen Verfasstheit, deren Lust an Sensationen, Luxus und spekulativem Gewinn zunehmend von Überdruss, Enttäuschung und einem Gefühl der (inneren) Leere begleitet wird. Sven Johne spürt diesem Phänomen in einem präzise abgestimmten Ensemble neuer Arbeiten nach, die wie bildhafte, aufs Wesentliche reduzierte Allegorien zueinander in Bezug gesetzt werden. So verschränken sich die fotografierte Lakonie leerer Zirkusspielstätten (Following the Circus, 2011) mit dem ewigen Versprechen puren Goldes (El Dorado, 2011) oder der visuellen Pracht von Edelrosen (Roses from Africa, 2011), die mit höchstem Logistikaufwand aus fernen Winkeln der Erde herangeschafft werden und nur im kurzen Moment ihrer Blüte handelbar sind. Dazu kündigt ein Anheizer in Dauerschleife (Greatest Show on Earth, 2011) eine sensationelle Attraktion nach der anderen an, die bei genauerem Hinhören jedoch eher Zweifel und Unbehagen wecken.
Eine besondere Qualität der Arbeiten ist ihre Direktheit – ohne zusätzlichen Text und mit einer prägnanten Visualität entwickelt, funktionieren sie jede für sich als Auslöser für eine unmittelbare Auseinandersetzung mit ihren Sujets. Zusammen stellen sie in "Greatest Show on Earth" die Frage nach der Qualität kollektiver Vorstellungen. Steckt in deren utopischem Potential zugleich auch der Kern von Selbstzerstörung und Agonie?