Émilie Pitoiset
Giselle
27.04. – 09.06.2012
Émilie Pitoisets Arbeit bildet sich auf einer äußerst präzisen Beobachtung, sowie nahezu wissenschaftlicher Ansichtsweise von Bewegungsabläufen, die sich thematisch vor allem in einer Faszination für Richtung, Ungleichgewicht, unnatürlichen Körperhaltungen und eigentümlichen Gleichgewichten manifestieren, insbesondere als sich solche auf Menschen und Tiere beziehen. So liegt auch Émilie Pitoisets zentrales Augenmerk in ihrer ersten Einzelausstellung in Berlin, auf dem angespannten Schwindelgefühl in einem fragilen Equilibrium.
Émilie Pitoisets Vorliebe für Paradoxa und Körper, die in der Schwebe zwischen zwei konträren Kräften hängen, tritt vor allem in der Koalition gegensätzlicher materieller, wie inhaltlicher Po- sitionen heraus. Indem sie bereits existierende Quellen neu interpretiert und überhöht, verschwim- men die Grenzen von Dokumentation und Fiktion, wodurch der Betrachter mit den Grenzen der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit konfrontiert wird und darüber hinaus mit dem unablässigen Wunsch Wirklichkeit und Illusion voneinander zu trennen. Ihre an Hyperrealismus und Minimalismus anlehnenden Konstrukte, sowie das Gespür für das bevorstehende Umkippen einer Situation erschaffen die Spannung einer unerwarteten Lücke.
Die Ausstellung 'Giselle' trägt ihren Namen nach einem romantischen Ballettstück, uraufgeführt 1841 in Paris, welches von der tragischen Geschichte eines Mädchens erzählt, das durch ihre hoffnungslose Liebe zu einem bereits versprochenen Mann in den Selbstmord getrieben wird, und fortan ein Dasein als tanzender Geist führt. Bereits in früheren Arbeiten setzt sich Émilie Pitoiset paradigmatisch mit dem Ballett auseinander, da hierbei physische Anstrengung und der menschliche Drang die eigenen Grenzen zu überwinden zusammentreffen, und darüber hinaus geo- metrische Perfektion auf die Lebendigkeit des Körpers einwirkt. Indem die Installation Giselle aus exakt zusammenpassenden Parallelogrammen besteht, die sich in eine dreidimensionale Struktur ergeben, scheint die Konstruktion von weitem beinahe unwirklich, doch bei näherer Betrachtung entbehrt sie die individuelle Materialität des Leders und eine gewisses stoffliches Erinnerungsvermögen. Für ihre Collagen verwendet Émilie Pitoiset gefundene Fotografien, mit Vorliebe aus den 1920er bis 50er Jahren, die sie befragt, neuorganisiert und manipuliert. Die Ausstellungsstücke stellen jedoch keine Illustration der Geschichte von 'Giselle' dar, vielmehr kontrastiert ihre kitschige Tragik die monochrom anmutenden Werke, und spiegelt zugleich deren eigene undefiniebar tragische Nostalgie wider, da sie verlorene Erinnerungen unbekannter Personen darstellen, die den Namen Giselle statt ihrer eigenen tragen. Nichtsdestoweniger verkörpert die Schräge in Pitoisets Arbeit einen immer wiederkehrenden Faktor. So entdeckt sie in den Bildern die Linie, welche die tragenden Punkte markiert und in denen sich das Ungleichgewicht befindet, sowie eine weitere, welche die Richtung, in die der Körper strebt erkennen lässt. Ihr Schnittpunkt bildet den Ort in welchem sich das innere Gleichgewicht befindet. Die Videoinstallation La Répétition zeigt Émilie Pitoisets eigene Version des Balletts, das von zwei Paar anmutiger Hände in technischer Perfektion nachgetanzt wird und die Aufmerksamkeit des Betrachters durch die Symmetrie der Bewegungen nahezu hypnotisch für sich einnehmen.
Doch was als immer wiederkehrend und identisch erscheint, offenbart bei genauerem Blick feine Unterschiede, und überhöht jedes Element, das immer neu und unvereinbar mit dem vorherigen einhergeht. Die verträumt, verspielte Musik des in Dauerschleife abgespielten Videos und die schwingenden Schatten, der prasselnden Bambusvorhänge, verleihen der Ausstellung über dies eine nahezu bühnenhafte Spannung, während die nicht-theatrale Schönheit der Werke durch verschiedene Blickwinkeln und Formen zusammengefasst wird, und sie unmittelbar spürbar werden lässt.
