Sven Johne
Der Weg nach Eldorado
26.04. – 01.06.2013
Das utopische Potential in Zeiten der Dauerkrise
Sven Johnes Arbeiten zeichnet ein nuanciertes Spiel mit Ebenen der Repräsentation, Lesbarkeit und Deutung aus. Indem er Aufnahmen von sphärischer Schlichtheit mit analytisch-sachlichen Textfragmenten zusammenführt schafft er Assoziationsräume jenseits des unmittelbar Dokumentierten. So finden fiktionale Momente Eingang in die Bild-Text-Konstellationen, deren lokaler Bezug und Situativität sich schließlich als Kaleidoskop darstellt, in dem sich die Auswirkungen gesellschaftlicher Transformationsprozesse durch die Vielfältigkeit menschlichen Einzelschicksale allegorisch manifestieren.
Wie komplex Johne das Spannungsverhältnis zwischen Sprache und Bild gestaltet zeigt sich in der Videoarbeit "Some Engels". Die Situation dürfte dem gewöhnlichen Fernsehkonsumenten bekannt vorkommen: im Format eines Castings mimen sechs deutsche Schauspieler den trauernden Friedrich Engels, wie er bei der Beisetzung seines Freundes Karl Marx den Nachruf hält. Obwohl die Grabrede als Aufruf zum Kampf anmutet lassen sich auch Engels' Zweifel an der Zwangsläufigkeit der Weltrevolution erahnen.
Die auf Englisch aus dem Jahr 1883 überlieferte Rede erscheint in den Berliner Mieträumen am Kurfürstendamm in modernem Gewand und korrespondiert auch mit dem Wieder-Aufleben der Marx'schen Rezeption. Dieser erste Eindruck revidiert sich jedoch schnell wieder durch die unterschiedlichen Darstellungen der Schauspieler. Obgleich sie alle mit ihrem Auftritt unterschiedliche Facetten der Rede verkörpern – Abschied vom Freund, Trauer um den Begründer der politischen Ökonomie, Versuch einer historischen Legitimation, kämpferisches Vermächtnis – sie scheitern vor allem an der Originalsprache des Textes. Der Casting Director probiert es zwar noch mit einem "Engelsbart", die Schauspieler legen ihn sich bereitwillig an – nichts zu machen. So relevant der Inhalt der Rede im heutigen Kontext sozio-ökonomischer Globalisierung auch sein mag, die Vorstellung kippt ins Komische.
Mit der Diskrepanz zwischen Fakten und ihrer Übermittlung arbeitet Johne auch im Rahmen seines "Griechenland-Zyklus", einer Serie von 37 Sternenhimmel-Bildern, die auf einer Forschungsreise im Land der Götter entstanden sind. Das Potenzial des Fiktionalen kommt auch hier durch Johnes konzeptuellen Ansatz zum Tragen. Diesmal sind es Reisebericht-ähnliche Kommentare, die die Grenzen zwischen Künstler und Einheimischen, Einzelschicksal und gesamtgesellschaftlicher Problematik verwischen.
Letztendlich geht es um die Perspektivität von Geschichte und Geschichtsschreibung, wobei auch die Sterne nicht den lang ersehnten Ausweg aus der europäischen Schuldenkrise zu erleuchten vermögen.
Lassen sich aber die BetrachterInnen auf eine Spurensuche ein, werden sie genug Hinweise entdecken, um Johnes Daseinsmetaphern zu entschlüsseln – ob mit oder ohne moralischen Duktus.
Sven Johne (*1976 auf Rügen) lebt und arbeitet in Berlin. Seine Arbeiten sind in zahlreichen nationalen und internationalen Sammlungen vertreten. Teile seines Oeuvres waren u.a. zu sehen im Frankfurter Kunstverein, MUDAM Luxemburg, Witte de With Rotterdam, MMK Frankfurt, Sprengel Museum Hannover, ARGOS Brüssel. Kommende Ausstellungen folgen bei Camera Austria in Graz und im MoCACA Taipei/Taiwan.